Handeln, indem man behauptet, dass Gott handelt

Pragmatik der religiösen Rede vom Handeln Gottes

Autor/innen

  • Matthias Möhring-Hesse Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Tübingen, Lehrstuhl für theologische Ethik/Sozialethik

DOI:

https://doi.org/10.71956/cdth001-art06

Abstract

Die Rede vom Handeln Gottes hat im Christentum und im Islam starke Referenzen in den jeweiligen Traditionen. Christ:innen und Muslime dürfen daher erwarten, dass man von den eigenen ›Glaubensschwestern und -brüdern‹ verstanden wird, wenn sie behaupten, dass Gott handelt. Doch was tun sie, wenn sie ein Ereignis als Handeln Gottes behaupten und damit von anderen verstanden werden wollen? Diese Frage sucht der Beitrag durch pragmatistische Rekonstruktion der religiösen Rede vom Handeln Gottes aufzuklären. Dazu wird ›Gott handelt …‹ als eine Basishandlung und – darauf aufbauend – als Moment komplexer Glaubenspraxis untersucht: In der Interaktion mit ›Glaubensschwestern und  brüdern‹ können Akteure mit ›Gott handelt …‹ Bezug auf Ereignisse nehmen, die ihnen andernorts und damit in einer ursprünglichen Situation ›passieren‹. Mit ihrer Behauptung erschaffen sie innerhalb ihrer Glaubensgemeinschaft eine Handlungssituation oder handeln mit ihrer Behauptung in einer innerhalb ihrer Glaubensgemeinschaft vorgefundenen Situation. Sie können die sich ihnen dort stellenden Herausforderungen bewältigen und dadurch ihr Gottesverhältnis bewähren, – können also glauben. Allerdings ›ersetzt‹ dieser Glauben nicht den Glauben, den sie in der ursprünglichen Situation vollziehen, indem sie dort – in Antwort auf das sich dort ereignende Handeln Gottes – handeln und dazu etwas anderes tun, als ›Gott handelt …‹ zu behaupten. In der Interaktion mit ihren ›Glaubensschwestern und -brüdern‹ verändert die Behauptung die dort jeweils geltende Sinnwelt und dadurch auch die jeweilige Handlungssituation: Gott selbst hat in der Welt eine Handlungssituation und ist darin mit einer auf diese Situation bezogenen Absicht vertreten. Dass diese Anwesenheit festgestellt wird, ist in der Interaktion der ›Glaubensschwestern und -brüder‹ affirmativ, konnektiv und imperativisch wirksam.

Autor/innen-Biografie

Matthias Möhring-Hesse, Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Tübingen, Lehrstuhl für theologische Ethik/Sozialethik

Prof. Dr. theol. Studium der Katholischen Theologie, Philosophie und Soziologie in Frankfurt und Münster, Promotion in Katholischer Theologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt, Habilitation im Fach Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Münster. Seit 2011 Professor für Theologische Ethik/Sozialethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen. Neuere Veröffentlichungen zum Thema des Beitrags: Säkularität als Verarbeitungsform gesellschaftlicher Pluralität, in: Große Kracht, H.-J. u.a. (Hg.): Wohlfahrtspolitik in Zeiten der Säkularisierung, Frankfurt am Main 2023; Theologische Sozialethik als Kritische Theorie: Ein Versuch, acht Jahrzehnte nach »Traditionelle und Kritische Theorie« (1937), in: Becka, M. u.a. (Hg.): Sozialethik als Kritik, Baden-Baden 2020; How does the Christian Faith Enter Politics – and What Does it Do There?: »Faith-based politics« after the Seperation between Politics and Religion, in: Meireis, T. u.a. (Hg.): Religion and Democracy: Studies in Public Theology, Baden-Baden 2017.

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Veröffentlicht

29.03.2025

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